Zimmerreise Januar A/B/C

am

*Chaos*



Der Buchstabe C hat es mir nicht leicht gemacht.

Gegenstände, die damit anfangen sind mir beim Umherschweifen auf Inspirationssuche nicht begegnet. Aber etwas Ähnliches, ein Zustand nämlich, in dem so viele Dinge sich begegnen, um darin zu verharren. Eigentlich überall wo man bei uns hinsieht, gibt es kleine Inseln des Chaos, worin die einzelnen Gegenstände eine Zufallsgemeinschaft eingehen. Dadurch verschwimmen ihre individuellen Merkmale und Grenzen derart, dass ich fähig bin eine Gesamtbild wahrzunehmen, aber nicht mehr das einzelne Objekt.

Keine Ahnung hatte ich von den Abgründen (oder sind es Höhenflüge?), die sich hinter dieser Bezeichnung verbergen. Chaos, so umgangssprachlich schnell dahin gesagt, bezeichnet mitnichten einfach nur ein bisschen Unaufgeräumtheit oder den turbulenten Familienalltag.

Recht schnell führte mich die Suche über die Herkunft des Wortes (aus dem Griechischen, wörtlich übersetzbar als „Kluft“), wo in der Antike „Chaos“ als Gegenpol zu „Kosmos“ (die Leere und Wüstheit gegenüber der kosmischen Ordnung) fungiert, zu naturwissenschaftlichen Phänomenen.

Der Begriff der „Chaosforschung“ wird klassisch in der angewandten Mathematik auf Vorgänge bezogen, die zwar determiniert, aber in ihrer zeitlichen Entwicklung nicht vorhersagbar sind. Viel interessanter ist für mich allerdings der Begriff der „Entropie“, den ich ebenfalls nur ganz oberflächlich anreißen kann, aber schon länger kenne.

Deshalb ist mir diese Bezeichnung auch beim Gedanken an Chaos gleich eingefallen. Nur habe ich nicht verstanden wie sie auf unsere häusliche Unordnung passen könnte. Das lag an einem einfachen Gedankenfehler. In der Chemie bezeichnet die Entropie das Maß an Unordnung, die durch Reaktionen entstehen. Im Vordergrund steht dabei die Erkenntnis, dass diese zwar selbständig immer weiter zu- aber nicht ohne äußere Eingriffe wieder abnimmt. Der äußere Zustand eines geschlossenen Systems (Makrozustand) kann beobachtet werden und sagt etwas über die innerhalb des Systems ablaufenden Mikroprozesse aus, die zu ihm geführt haben.

Der gängige Chemiker-Scherz angesichts unserer Unordnung: „Die Entropie nimmt immer zu!“ (ein Brüller;). Weil nicht unser ganzes Haus, sondern nur kleine Ecken unübersichtlich sind, bezog ich diesen Spruch wohl auf gerade diese kleinen Unordnungsherde. Und hatte deshalb Probleme, den Begriff der Entropie anwenden zu können. Schließlich handelt es sich dabei nicht um ein geschlossenes System, sondern um eines, in welches verschiedene Familienmitglieder verändernd eingreifen.

Das Makrosystem kann also nicht die oben gezeigte Erdbeerschale sein. Eine Nummer größer gedacht funktioniert es. Zum Beispiel dann, wenn ich unseren gesamten Haushalt als geschlossenes System betrachte (stimmt im Moment sogar), innerhalb dessen besagte Mikroprozesse ablaufen. Dabei entsteht interessanter Weise kein flächendeckendes Chaos, sondern kleine Bereiche, in denen sich Dinge ansammeln. Wie zum Beispiel ein stehen gelassenes Schälchen, das sich nach und nach mit Krimskrams füllt.

Nun sind „Entropie“ und „Chaostheorie“ wissenschaftliche Begriffe, die sich nicht eins zu eins auf den Zustand des Unaufgeräumtseins anwenden lassen. Chaos aber auch nicht. Umgangssprachlich wird damit ein dem Zufall unterliegendes System (nicht determiniert) bezeichnet, das sozusagen ergebnisoffen funktioniert und damit unberechenbar ist. Was stimmt denn jetzt?

In diesem Spannungsfeld jedenfalls liegt unser Chaos, ein Sammelbegriff für die kleinen Unordentlichkeiten des Alltags. Nach den vorangegangenen hochtrabenden Überlegungen sieht es plötzlich so unspektakulär aus 🙂

Das Bild zeigt ein Erdbeerschälchen in der Küche, gefüllt mit „Papierbomben“, Ü-Eier-Anleitungen, Schrauben, einer Glühbirne, einem alten rostigen Nagel, einem Luftballon, Spielkarten und dem was von den großen Gegenständen verdeckt wird.


17 Kommentare Gib deinen ab

      1. puzzleblume sagt:

        Endlich ein theoretischer Überbau für ein vetrautes System. 🙂

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      2. Eva Zimmer sagt:

        Genau. Es hat Spaß gemacht, das Problem mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten!

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  1. pflanzwas sagt:

    Wow, diese Gedankenreise hatte es in sich! Die muß ich nüchtern noch mal lesen (kleiner Scherz!). Interessante Beschreibungen und mir gefällt die Ausführung über diesen sonst so simplen Ausdruck. Entropie. Jaja, Inseln. Und was ist, wenn es ganze Kontinente sind 😉

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    1. Eva Zimmer sagt:

      Kontinente? Niemals! *lächel*

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      1. pflanzwas sagt:

        Ich sprach von mir 😉 Nee, hier sind es auch eher Inseln, nur größere.

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      2. Eva Zimmer sagt:

        Sehr sympathisch!

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      3. pflanzwas sagt:

        Also klinisch steril mag ich nicht 🙂

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  2. Fjonka sagt:

    Hihi, diese Chaosinseln kenn ich auch – und bei uns breiten sie sich aus, wenn ich nicht SEHR gut aufpasse! Eine amüsante UND interessante Reise 🙂

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    1. Eva Zimmer sagt:

      Danke dir! Du bist also Herrin über das Chaos?

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  3. Anhora sagt:

    Derartige Gedanken und Systeme muss man erstmal entdecken, und dann auch noch beschreiben können! Das ist dir ausgezeichnet gelungen, ich hab dich amüsiert begleitet bei deinen Überlegungen, wenn auch nicht alles verstanden. 😉
    Ich selbst lebe in einer chaosfreien Umgebung, vielleicht liegt es daran. Ich halte es mehr mit Feng Shui. Wenn schon mein Leben in Chaos versinkt, muss wenigstens meine Wohnung aufgeräumt sein. Dein Erdbeerschälchen käme mir also nicht ins Haus, aber ich schau es mir ausgesprochen gerne bei dir an! 🙂

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    1. Eva Zimmer sagt:

      Ich danke dir 🙂 Feng Shui und Chaosfrei, das höre ich mit Sehnsucht. Seit wir Kinder haben, leider unerreichbar geworden, dabei bin ich von Haus aus Ordnungsfanatikerin! Nett, dass du Freude an unserem kleinen Chaos hast 😉

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      1. Anhora sagt:

        Oh, ich habe vier Kinder und weiß genau, wovon du sprichst! Als sie aus dem Haus waren, wurden (manche) Träume wahr. 😉

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      2. Eva Zimmer sagt:

        Oh, das klingt nach Hoffnung! Meine vier sind noch lange nicht aus dem Haus (was schön ist), aber manchmal, da stelle ich mir das Leben schon einfacher vor, wenn sie älter und selbstständiger sind…

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      3. Anhora sagt:

        Nur bedingt, je nachdem … Aber es wird ruhiger im Haus. Und irgendwann auch aufgeräumter. 😉

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